Textstreich. 2025/26

Eine Kooperation von LITERAARE (CH), Haus für Poesie (DE) und MANUSKRIPTE (AT)

Die Gewinner:innen 2025/26

Carla Lorenz

Irina Bondas zu starke Lämmer von Carla Lorenz:

An starke Lämmer, einem Text über Sorgearbeit, Kontroll- und Identitätsverlust an der Schnittstelle zwischen Lyrik und Prosa, so gegenständlich wie ephemer, so formbewusst wie lebensklug, ist alles stark. „Es kann immer nur eine von uns schwach sein“ heißt es darin: das Ich oder J., eine Erinnerung von Person, ein Körper umhüllt von Stoff, eine Attrappe. Das Ich ist Beobachterin und Betroffene, folgt dem Fluss der Sprache, um sich, selbst ausgetrunken, dem leeren Meer zu stellen. In diesem Text herrscht Todesgefahr, aber das Ich hat keine Angst. Und seine Sprache hat keine Angst vor der eigenen Vergeblichkeit, umso genauer trifft sie jenen Schmerz, findet Bilder, verschränkt sie, zieht sie zurecht – und lässt sie wieder ziehen. Dieser brutal behutsame Text spricht mit jedem Wort, jedem Leerzeichen für sich.

Liola Mattheis

Steven Wyss zu Urina von Liola Mattheis:

Über „weiche laberakte“ auf der Couch zu der „angst vor aufruflosigkeit nein vor anrufung mit beiwerk ratschlag“ im Wartezimmer führt uns Urina mit sprachschöpferischer Wucht durch eine andersartige Welt. Zwischen Kink und medizinischen Fachwörtern, definiert sich das Gedicht gleich selbst: ein „wasserlassender Text“. Wer hier uriniert und wer hier wem was zufügt oder einführt, bleibt offen. Vielmehr geht es um die Lust am Schmerz, an der Grenzüberschreitung – körperlich wie sprachlich. Denn so wie die Körper im Gedicht leiden, zusammengepresst und gespannt werden, wird es auch die Sprache. Mal drängen sich die Buchstaben aneinander, mal entfernen sie sich voneinander. Man hört die Worte knarzen, platschen, fließen, „ach ich lasse laissez faire“, bis auch der Text zerfließt:
„Deine mei
ne spil
ss; leaks; ich lea
ke, leckell
agge läc
hle“

Sophia Merwald

Jeannette Hunziker zu
/I /I /I
oder die feuer, wenn sie an sind von Sophia Merwald:

Ein aufregender Text, worin alle Zeichen gekonnt aufeinander zu fallen, ohne je beiläufig zu sein, denn
mutter hat mir beigebracht: „to not fall in line“
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///
/I
I
Hier ist eine nahezu körperliche Lyrik am Werk. Aus den Zeichen bricht die Sprache, bricht Bedeutung, st/mmt sich dieser Text in ein Getöse aus Abstammung, Mutterschaft und Zumutbarkeit. Eine Stimme (die Stimme der Zündlerin), die selbst Flamme ist, der gefolgt werden muss, bis wir vor entfachten Feuern stehen, und durch sie hindurch, verändert, versengt vielleicht, aus der Lektüre zurückkehren. Etwas, das Lyrik kann. Wir gratulieren.

Vielen Dank an die Jury

Alexander Estis. Lyriker und Essayist, Aarau
Vera Holz. Literaturvermittlerin Literaare, Thun
Tanasgol Sabbagh. Lyrikerin und Spoken Word Poetin, Berlin
Andreas Unterweger. Schriftsteller und Mitherausgeber Manuskripte, Graz

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